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ALLES HELL GEMACHT UND TROTZDEM KONTRAST

24. Mai 2016 | Lichtsetups

An diesem Wochenende gab es einen ganz besonderen Workshop. Ein Foto-Workshop der sich mehr um das Foto als um das Fotografieren drehte. Ja, das sind zwei unterschiedliche Seiten der Medaille. Fotografieren macht vielen besonders Spaß. Mir unter anderem auch! Aber das Foto, das schlummert meist ein recht tristes Dasein. Instagram, Facebook oder mal ein Webportal. Vielleicht im Schönster aller Fälle das heimische Portfolio.

Und genau darum ging es im SHOOT IT PRINT IT WORKSHOP eben nicht sondern um zusammen mit der Aufnahme auch die Weiterverarbeitung. Es wurde eine Idee entwickelt und dann gemeinsam umgesetzt, fotografiert und danach gedruckt. Krönender Abschluss war dann das eigene Aufziehen des Fotos auf Keilrahmen.

Natürlich war auch das Licht ganz besonders und daher möchte ich heute und hier, das Licht zum Foto vorstellen. Das ist das fertige Foto der bezaubernden Inga.

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Wenn man das Foto sieht, dann denkt man kaum daran, wie das Foto gemacht wurde. Oder anders herum, wenn man gleich sieht, wie das Foto gemacht wurde, dann denkt man nicht an dieses Ergebnis.

Auf Facebook hatte ich ein MakingOf gepostet und direkt kam nach wenigen Sekunden der erste eher kritische Kommentar. Anscheinend hatte der Aufbau die Vermutung nahe gelegt, es gäbe nur „hell“ und nix „dunkel“.

fb kommentar

Und genau dieser Kommentar hat den Anstoß gegeben um über das Set genauer zu berichten. Ich finde gerade solche Momente sind besonders wichtig und ich möchte auch gezielt auf derlei Anfragen eingehen. Schließlich gibt es da ja etwas Bedarf an Aufklärung.

Die Ausrüstung

Bevor wir mit dem technischen Aufbau starten, wollen wir aber gemeinsam durch die verwendete Ausrüstung gehen. Gerade für dieses Bild gibt es konkrete Anforderungen welche nicht jede Ausrüstung überhaupt erfüllt.

  1. Wir haben ausschließlich Dauerlicht verwendet. Die Leuchten kommen von Jinbei und sind 200W starke LEDs Strahler mit BOWENS Bajonett. Man kann also viele Lichtformer direkt an den Dauerleuchten verwenden.
  2. Die Dauerlichtquellen müssen zudem regulierbar sein. Das ist extrem wichtig um die verschiedenen Lichtquellen gegeneinander einzustellen. Leuchten mit nur einem Aus- und Einschalter würden uns zu sehr einschränken bei der Lichtsetzung.
  3. Die Kamera war eine Vollformatkamera mit einem 85mm 1.4 Objektiv. Dabei ist es besonders wichtig, dass man auch auf offenster Blende fotografiert. Wir haben die Aufnahme bei f1.4 gemacht. F1.8 hätte sicherlich keinen drastisch andere Look gegeben, solange man im Nahbereich bei offenster Blende fotografiert hätte.

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Die Einstellungen

Wie bereits erwähnt, wurde das Foto mit einer Arbeitsblende von f1.4 gemacht. Dazu kommen ISO200 und eine Belichtungszeit von 1/2000. Daran kann man erkennen WIE HELL das Setup ausgeleuchtet ist und wie mutig man auch als Fotograf sein muss. f1.4 bei 85mm im absoluten Nahbereich an einer Vollformatkamera sorgt für spürbaren Ausschuss! Easy Peasy ist das nicht zu fotografieren.

Die Blende von f1.4 ist aber trotzdem sehr entscheidend für den Look des fertigen Fotos. Die Unschärfe ist nicht nur gering, die Schärfenebene ist marginal. Und genau diese extrem geringe Schärfe sorgt umgekehrt für eine extrem höhe Unschärfe im Hintergrund. Schärfe und Unschärfe existieren immer gegenseitig. Man kann das eine nicht groß haben, ohne das andere klein zu machen. Ich verstehe auch Fotografen nicht, die das objektiv auch nur etwas abblenden um „mehr Schärfe zu bekommen“. Was ist denn wichtiger? Der Look oder die Schärfe auf 100%?

Möchte man also diese besondere Freistellung, diesen „Unschärfelook“ über dem gesamten Bild, dann muss man auch mit einer äußerst geringen Schärfenebene leben, damit fotografieren, es akzeptieren und das Beste draus machen! Man will eigentlich ein Foto mit fast nix scharf und fast allem in der Unschärfe. Um eine Unschärfe zu erzeugen, kann man als Fotograf die Blende der Linse öffnen oder eben extrem nah ans Motiv ran.

Der Abbildungsmaßstab ist wichtiger für das Erzeugen von Unschärfe als die Blende selbst. Reduziert man den Abbildungsmaßstab, explodiert die Unschärfe.

Ist also nix mit nachträglichem Beschneiden! So nah es geht von vorne herein fotografieren lautet die Devise.

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Das Setup

So, jetzt aber zum Setup.

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Auf dem vorherigen Foto kann man erkennen, dass es ziemlich viel Licht gibt. Der Unterschied zwischen ziemlich viel Licht und überall Licht ist aber ziemlich groß. Fotos werden spannend durch Kontraste. Durch Schatten und Licht. Was der obige Kommentar bei Facebook schon angedeutet hatte war ja das total Fehlen von Schatten. Wobei selbst dann wäre das Bild nicht zwangsweise langweilig. Denn Schatten und Licht sind für Fotografen nur deswegen so wichtig, weil dadurch Kontraste erzeugt werden. Kontraste sind eben nichts Anderes als HELL und DUNKEL Unterschiede.

Kontraste können aber auch anderweitig erzeugt werden. Z.B. über tatsächliches Hell Dunkel. Ein weißes Hemd und darüber ein schwarzer Anzug ist ebenfalls Kontrast und hat nix mit dem vorherrschenden Licht zu tun. Und genau nach diesem Schema arbeitet unser Setup. Es gibt im Motiv mehrere Kernkontraste. Die sind unabhängig vom Licht. So z.B. das helle Haar, der dunkle Hintergrund, das schwarze Latex in Streifen auf dem Dekolletee oder auch die dunklen Lippen bzw. die sehr dunklen Augenbrauen.

Egal welches Licht ich setzen mag, diese Kontraste sind Motivkontraste und brauchen kein Licht. Ansonsten können wir uns mit unserer Lichtsetzung gänzlich auf das Erzeugen von Lichtkanten konzentrieren.

Gehen wir einfach mal Schritt für Schritt durch jede Lichtquelle des Aufbaus.

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Angefangen hat es mit einer tiefen Softbox genau über dem Model. Ohne Frontdiffusor sorgt es für einen starken Kontrast genau von oben herab. Das ist sozusagen die Grundstimmung des Portraits.

Verfeinert wird das Licht durch eine große Softbox genau von der Seite kommend. Diese Box, 2m in der Größe sorgt für das Führungslicht auf dem Portrait. Die rechte Seite erhält Glanzstellen und ein Teil des Gesichts wird dadurch erst vordergründig sichtbar.

Als dritte Lichtquelle kommt ein kantiges Streiflicht mit ins Spiel. Dadurch wird die linke Seite vom Hintergrund freigestellt ohne gleichzeitig die leichte Schattierung auf der linken Seite komplett kaputt zu leuchten.

Besonders wichtig ist dabei die Asymmetrie zwischen linker und rechter Seite. Links das harsche, kontrastreiche Licht, rechts das sanft streichelnde Licht der großen Softbox.

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Zu guter Letzt brauchen wir für das Motiv nur noch einen einfachen Styropor-Reflektor. In unserem Falle nicht die silberne Alu-Folien-Seite sondern die weiße Originalseite des Reflektors. Der Reflektor kommt leicht seitlich, leicht von unten auf das Model und hellt fast unmerklich die Schatten auf der linken Seite auf.

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Zur Stärke des Reflektors gibt es auch hier einen kurzen Vergleich!

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Zusammengefasst gibt es also 4 Lichtquellen welche für das Motiv verantwortlich sind. Schritt für Schritt aufgebaut kann man die Wirkung in dieser Reihenfolge hier erkennen.

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Aber das ist nicht alles! Man merkt es kaum aber wenn man genau hinschaut, dann erkennt der gute Fotograf, dass der Hintergrund nicht komplett schwarz ist. Bei Verwendung eines schwarzen Hintergrundkartons im Abstand von circa 2m zum Motiv, müsste der HG eigentlich komplett weggesackt sein. Ist er aber nicht. Er ist im tiefsten Dunkel aber noch nicht im Schwarz!

Wir haben also zusätzlich noch eine weitere Lichtquelle in den Hintergrund gestellt. Ohne Lichtformer wurde 25% der maximalen Leistung des LED Geräts an die Wand gepumpt. Auf den MakingOf Aufnahmen erkennt man auch, dass bei einer zu hellen Grundbelichtung, der Hintergrund viel zu hell ausgeleuchtet wird.

Das Licht wurde so eingestellt, dass bei der richtigen Grundbelichtung, das Hintergrundschwarz gerade so in die Dynamik zurück gekickt wurde.

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Fertig… Jetzt konnte fotografiert werden.

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Licht

Bevor wir jetzt den Bereich der Lichtsetzung verlassen, gibt es noch eine Bedeutsamkeit zu besprechen. Und zwar wäre es die Nähe der Lichtquellen zum Model. Viele Fotografen sind mitunter erstaunt, wenn sie derlei nahe Aufbauten sehen. Aber genau darin liegt die Stärke der Lichtquellen. Wir haben Lichtquellen von 2m (Sobo Seite), 1m (Octa Oben) und 2m (Strip Seite) im Einsatz. Der Abstand der Fronttücher zum Model betrug nie mehr als 50cm. Genau darüber erzeugt man so krasse Lichtwirkungen. Eine Mischung aus kantig und weich. Probiert es aus!

Die Sache mit den Kontrasten

Kommen wir zu der Ausgangsfrage nach den Kontrasten zurück. Offensichtlich ist das Bild nicht nur „hell“ oder „kontrastlos“. Es hat sehr viel Kontrast. Es hat nur keinen klassischen Schatten-Kontraste. Es gibt besonders helle Lichtkanten gegenüber dem dunklen Hintergrund, es gibt helle Haare vor schwarzen Hintergrund, es gibt Outfit vor heller Haut und es gibt dunkles MakeUp vor heller Haut. Zudem wird das Motiv klar und deutlich geformt und moduliert.

Liebe Fotografen und Fotografinnen. Kontrast ist mehr als nur Licht. Und auch mit viel Licht kann man spannende Fotos machen. Man kann sogar „alles hell“ machen und trotzdem noch verdammt tolle Lichtsetzung bekommen. Man muss bloß wissen wie und in welcher Situation!

Der Vorher-Nachher-Vergleich

Natürlich wurde das Bild bearbeitet. Im Rahmen des Workshops SHOOT IT, PRINT IT musste die Bearbeitung allerdings auf knapp 15 Minuten schrumpfen und daher wurden nur grobe Anpassungen gemacht. Zusätzlich kommt dazu, dass das Ausgabematerial LEINWAND war und Details von vorne herein nicht als Ziel galten. Die Leinwand verschluckt kleinste Details und bringt mit ihrer eigenen Struktur die Porung der Haut wieder. Um die Bearbeitung zu zeigen gibt es hier ein Bild JPG OUT OF CAMERA VS FINAL. Die hauptsächlichen Änderungen waren eher Verflüssigung und grobes Dodge&Burn.

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Wer sich jetzt übrigens fragt, was genau das Zeugs auf der Brust des Models ist. Das ist flüssiges Latex. Wir haben das Model auf den Kopf gestellt. Tatsache! Handstand defacto! Und haben von der Brust die flüssigen Tropfen über die Haut laufen lassen.

In diesem Sinne wünsche ich allseits viel Spaß und Erfolg beim Fotografieren. Heute hat man sicherlich verschiedene Besonderheiten erkennen können und die gilt es nun umzusetzen!

Lieben Gruß

Euer Martin und Marc

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