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WAS NIEMAND WEISS… DER CANON DYNAMIK PUSH – TONWERT PRIORITÄT GEHT INS RAW!

6. November 2017 | Technik

Heute gibt es einen speziellen Beitrag für alle Canon-Fotografen. Und ja, CANON ONLY. Schließlich gibt es immer noch mehr als nur Sony, Fuji und MFT auf dem Kameramarkt und Canon ist und bleibt die längste unserer Kamera-Marken.

Heute soll es kurz und knapp um die Tonwert-Priorität von Canon gehen. Eine Funktion die ich in fast allen möglichen Fällen angeschaltet lasse und nur gezielt in wenigen Situationen ausschalte.

Die Tonwert Priorität erzeugt keine tatsächliche zusätzliche Dynamik sondern eine effektives Plus in der Praxis. Wie funktioniert die Tonwert-Priorität denn? Kurz erklärt ist es ein Beschiss. Die Kamera belügt uns. Es wird mit einer dunkleren ISO Einstellung fotografiert und das Bild wird nachträglich heller gemacht. Und zwar von der RAW Engine. Was ich im Display angezeigt bekomme ist also eine bereits um genau eine Blende aufgehellte Aufnahme. Daher ist ISO 200D+ (D+ ist das Zeichen für die Tonwert-Priorität) auch genau das Gleiche im Display wie ein tatsächlich mit ISO 200 aufgenommenes Foto. Dunkelt man aber beide Aufnahmen gleich stark ab, dann erkennt man, dass in der D+ Aufnahme eine Blende mehr Zeichnung in den Lichtern steckt. Eben genauso als hätte man das Bild eine Blende zu dunkel fotografiert. Ist es ja auch. Die Kamera schaltet also eine RAW-Entwicklung mit plus 1 Belichtung dazu und fotografiert das Bild im Hintergrund aber zu dunkel.

Das was wir Fotografen also sowieso machen sollten, das macht die Kamera jetzt im Hintergrund.

Fragt sich jetzt, warum das besser sei. Denn der aufmerksame Leser wird sicherlich schon fragen ob dann nicht das Rauschen in den Tiefen stärker wurde. Die Antwort ist JEIN. Theoretisch werden alle Stellen, auch die Tiefen um eine Blende aufgehellt und das ist genau anders herum, als EXPOSE TO THE RIGHT eigentlich empfiehlt. In der Praxis macht sich diese Sache aber nicht großartig bemerkbar. Dafür kann der Unterschied in den Spitzlichtern extremst sein.

Machen wir doch einen kurzen Ausflug in eine wichtige fotografische Grundlage.

These: „Weiß stört in einem Foto mehr als Schwarz.“ – Erklärung: Das menschliche Auge ist schwarz gewöhnt, weiß hingegen gar nicht. Weiß ist Schmerz. Schauen wir in die Sonne, dann sehen wir weiß aber dann tut es weh. Immer wenn unser menschliches Auge weiß sieht, dann blendet es ab, wir kneifen die Augen und versuchen GRAU draus zu machen. Schwarz hingegen ist etwas völlig Natürliches. Es wird abends dunkel, ich schaue aus dem Fenster und sehe nix. Schwarz! Aber ist völlig ok, ist ja Nacht. Ich meine damit übrigens nichts technisches sondern ich spreche lediglich auf das gewohnte Sehen an, also auf unsere menschlichen Sehgewohnheiten.

Wir sollten also als Fotografen die weiß ausgebrannten Stellen viel mehr fürchten als die schwarzen Stellen im Bild oder gar etwas Rauschen. Ich fotografiere grundsätzlich mit allen Nicht-Canon-Kameras deutlich dunkler um genau diesen Effekt zu vermeiden.

Mit der Tonwert-Priorität übernimmt das die Kamera für mich und ich muss mir nicht ständig ein viel zu dunkles Foto angucken oder dem Model sagen, dass es völlig normal sei, dass man fast nix auf dem Foto erkennen könne und nachher würde das dann ganz anders werden. Ich fotografiere ganz normal, achte wie gewohnt darauf Spitzlichter so gut es geht zu vermeiden und weiß, dass die Kamera mir nach oben eine stärkere Reserve lässt als unten.

Daher beschreibe ich die TonwertPrio gerne als eine Art Asymmetrie der Dynamik. Die Balance zwischen Tiefen und Lichtern wird verschoben. Ich habe weniger Spielraum in den Tiefen aber dafür eben diesen Spielmehr mehr in den Weißwerten.

Die Tonwert-Priorität verschiebt die Balance zu Gunsten der Lichter. Deswegen auch das Wort „Priorität“. Schwarz und Weiß sind nicht mehr gleich wichtig, die Weißwerte zu schützen ist wichtiger!

Und wie krass dieser Unterschied sein kann, das zeigt das nachfolgende Beispiel. Anhand des Grundbildes erkennt man absolut keinen Unterschied. Niente!

Erst wenn die Belichtung um den maximalen Wert von 5 Stufen reduziert wird, erkennt man was für eine Macht in der Datei steckt.

Programm für den Vergleich war übrigens Lightroom CC. Die D+-Datei wird übrigens korrigiert eingelesen. Also die Belichtung steht auf 0 und das Foto ist gleich hell wie die Aufnahme ohne D+. ISO200 entspricht also ISO200.


Natürlich waren beide Bilder heillos überbelichtet und die TonwertPrio rettet genau eine Blende. Mehr nicht. Aber diese eine Blende in den Spitzen kann wirklich den entscheidenden Unterschied machen ob in den Wolkenrändern oder der Glatze noch Zeichnung zu finden ist, oder nicht.

Viele Fotografen scheuen sich übrigens gezielt dunkler zu belichten. Da ist es wirklich sehr hilfreich wenn das die Kamera übernimmt, ohne dass man es als Fotograf störend wahr nimmt.

Es gibt allerdings auch Situationen in denen man die Funktion deaktivieren muss/sollte.

  1. Sehr helles Umgebungslicht gepaart mit dem Wunsch bei sehr offenen Blenden arbeiten. Also z.B. ein Sommer mit grellem Sonnenlicht und das Foto soll bei f1.4 gemacht werden. Ab f2 oder gar f2.8 braucht man die Tonwert Priorität meistens nicht abschalten. Dann reichen für gewöhnlich 1/8000 schon aus.
  2. Hohen ISO-Werten. Bei hohen ISO-Werten sollte man sowieso nicht in Hochkontrastsituationen arbeiten. Denn die Dynamik des Sensors fällt dabei immer weiter ab und die Tiefen werden dann schon ohne die D+ Funktion rauschig. Ich spreche dabei aber, je nach Kamera natürlich, von Werten ab 3200 oder gar 6400.
  3. Niederkontrastsituationen die weit unter der Dynamik der Kamera liegen brauchen auch keine Tonwert Priorität. Da schaltet man für maximale Qualität die Funktion ebenfalls ab.

Übrigens kann die Funktion in das grüne Menü gelegt werden und ist damit im sehr schnellen Zugriff und jederzeit zu erreichen. Dann handelt es sich wirklich nur noch um zwei oder gar drei Knöpfe und die Funktion ist an oder gar wieder aus. Diese Mühe sollte man sich als außergewöhnlicher Fotograf allerdings schon machen können.

Also nochmals zur Zusammenfassung:

Die TP ändert nicht die tatsächliche Dynamik, sie verschiebt bloß die Balance hin zu mehr Dynamik in den Lichtern, weniger in den Tiefen. Sie macht das, ohne dass wir es mitbekommen und auch die JPGs direkt aus der Kamera werden direkt von der Kamera bei der Aufnahme korrigiert. Die Tonwert Priorität ist in den allermeisten Situationen sehr hilfreich weil die bösen Weißwerte besser geschützt sind als die viel unwichtigeren Schwarzwerte.

Lieben Gruß

Euer Martin


Anbei noch die Rohdateien zum Download und selbst gucken! Kamera war eine 5D Mark IV aber die TonwertPriorität hat jede Canon bis runter zur 1000D oder noch drunter.

 

Kommentare (6)

6 thoughts on “WAS NIEMAND WEISS… DER CANON DYNAMIK PUSH – TONWERT PRIORITÄT GEHT INS RAW!

  1. Danke für den Artikel. Das klingt ja echt nach ner ganz coolen Funktion, von der man kaum etwas weiß. ABER: ISO 100 ist dann nicht mehr verfügbar. Ich hab allerdings technisch noch nicht ganz verstanden, warum das so ist. Kannst Du das noch mal kurz erklären?

    Auf jeden Fall werde ich das mal testen.

    Aber noch ein interessanter Hinweis zum Artikel. Ich hatte mir den in „Pocket“ gebookmarked und wenn ich den in Pocket öffne sehe ich einen Artikel vom 1. September 2017, der das selbe Thema nur etwas kürzer behandelt. Öffne ich den Artikel im Browser sehe ich den ausführlichen Artikel vom 6. November. Strange, oder?

  2. Die Tonwert-Priorität von Canon klingt beim lesen des Artikels für mich exakt so wie Nikon’s Active D-Lightning (ADL) welches ich seit der D90 kenne. Bis auf:

    „Die D+-Datei wird übrigens korrigiert eingelesen. Also die Belichtung steht auf 0 und das Foto ist gleich hell wie die Aufnahme ohne D+. “

    Das war meiner Erfahrung nach beim ADL definitiv nicht so. Deshalb musste ich einmal bei einer ganzen Reihe an Bildern jedes Bild einzeln manuell korrigieren weil die Kamera auf „ADL – Auto“ stand (andere Werte je nach Motiv).
    Also habe ich mir gerade meine D300s gegriffen und einen Versuch gestartet. 2 Bilder mit ADL „Aus“ und „Extrastark“ ergibt Bilder mit einer Differenz der ISO Einstellungen von genau einer Blende. Und jetzt die Überraschung. In LR 6.12 werden beide RAW’s gleich hell angezeigt.
    Ok evtl. wurde das mal mit einem LR Update geändert. Klasse dann macht ADL ja doch wieder Sinn.

    Der gleiche Versuch mit meiner D600. Einer neueren Kamera. Wieder ADL „Aus“ und „Extrastark“. Ergibt wieder 1 Blende ISO Differenz. Und diesmal werden beide Bilder in LR mit genau 1 Blende unterschiedlicher Helligkeit gezeigt. Satz mit x …
    Wer hat diesen Mist denn verbockt? Nikon mit evtl. unvollständigen Infos im RAW oder Adobe mit einer mangelhaften Auswertung der Daten. Vielleicht probiere ich es später mal mit einem anderem RAW-Converter als Vergleich. Ich tippe (mal wieder) auf Adobe.

  3. @Michael ISO 100 ist die Base ISO, D+ belichtet eine ISO Stufe drunter. Bei 200 D+ wird quasi mit ISO100 belichtet und auf ISO200 hochgerechnet. ISO 50 ist nur eine ‚Sonderlösung‘, Base liegt eigentlich bei 100. Zumindest gab es das als Erklärung vor einiger Zeit und deckt sich auch mit dem Artikel.

  4. @Raphael: Danke für die Erklärung. Damit ist dann bei ISO 200 D+ auch nicht mehr Rauschen wie bei ISO 100 zu erwarten, oder? Hab mir bisher nur die Testbilder angeschaut und noch keine eigenen gemacht.

    Aber zu den Testbildern: Wenn ich die in CaptureOne Pro 10 öffne, dann sind das ISO 100 und das ISO 200 D+ Bild exakt gleich belichtet. Und wenn ich den Belichtungsregler komplett nach unten ziehe (in CaptureOne -4) ist immer noch NULL Unterschied zwischen den beiden Dateien. Auch nicht in den Lichern. Die sind in beiden Fällen auch viel weniger ausgebrannt wie hier im Artikel das erste Beispiel. Lediglich die ISO 200 Veriante ist ausgebrannt, aber auch nicht so schlimm wie hier.

    Scheinbar rettet CaptureOne schon mal pauschal sehr viel mehr. Oder bin ich bekloppt?

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