5.10.2015    19

Bokeh und Unschärfe von f1.4 zu f1.8 in der Praxis

5. Oktober 2015 | Technik

Der heutige Beitrag kümmert sich um einen falschen Hang zu extrem offenblendigen Objektiven. Anknüpfungspunkt ist das Tamron 35mm Objektiv aber der Inhalt bezieht sich natürlich auf sämtliche Objektive. Unschärfe, Freistellung und Bokeh hängen nicht nur an der f1.2 auf dem Objektiv. Die Unterschiede in der Praxis sind oft nur minimal!!!

Ich möchte nicht dass der Artikel falsch verstanden wird! Es geht nicht um irgendwelche Rechtfertigungen warum Sigma oder Tamron oder Canon. Es geht nicht um die Sinnhaftigkeit von Stabi oder nicht! Es geht alleine um das den Unschärfe-Look!!!


Nach unserem Beitrag zum neuen 45er und 35er von Tamron gab es einige interessante Einwürfe im Bezug auf die „Konkurrenz“ des Tamron 35ers zum Sigma 35er. Oft spürbares Credo war dabei, dass f1.4 immer besser ist als f1.8. Ich weiß nicht warum aber scheinbar wird f1.8 mit der 100 € Linse von Canon gleichgesetzt und jede bessere Linse muss gleich f1.4 oder f1.2 haben. Daran wird heutzutage scheinbar die Qualität gemessen??? Ja, traurig wenn das wahr ist.

Freistellung und Bokeh sind dann so Schlagwörter die scheinbar jede Diskussion schon im Vorfeld unterbinden möchten. Da wird auch nicht darauf geschaut, dass auch Zeiss mit seinen BATIS Objektiven für die Sony Alpha Serie eine f1.8 als maximale Blende für sinnvoll erachtet. Nein, Bokeh und Freistellung, da braucht man ja f1.4. Mit f1.8 geht da garnix!!!!

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Gut, dann gibt es heute mal den Test! Ich hab einfach mal ein lebendes Model genommen und so fotografiert, wie man es in der Praxis tut. Kein Stativ, kein Test-Setup. Einfach nur möglichst identische Fotos aus der Hand. Die vier Fotos unten zeigen das Ergebnis. Zwei davon mit dem Sigma 35er bei f1.4 und zwei mit dem Tamron bei f1.8.

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An den Fotos erkennt man, dass man fast nix erkennt! Den größten Unterschied kann man evtl. an den Balkonen über ihrer rechten Schulter erkennen. 🙂 Aber auch da muss man genau hingucken!

Wie schon gerade geschrieben! Es wurde so gut es geht das gleiche Motiv mit dem gleichen Schnitt fotografiert. Wahrscheinlich sauberer als man es in der Praxis machen würde. Das Licht hat sich während der 5 Minuten des Shootings nur ganz leicht verändert. Die Bilder wurden allesamt identisch bearbeitet und auf 1920px Breite exportiert. Das Model bekam sogar die Anweisung sich möglichst nicht zu bewegen. Eine Sache die in der Realität auch noch verschärfend dazukommen WÜRDE, aber für unseren Test ausgeschaltet wurde. Unterschiedliche Posen würden unterschiedliche Schnitte zur Folge haben und damit wieder unterschiedliche Unschärfe. Die Bilder haben die EXIF-Daten noch mit drin! Ich weiß selbst nicht mal mehr, welche Aufnahme mit welchem Objektiv entstanden ist. Wer mir nicht traut, der muss die Exifs so aus dem Bild fischen und nachprüfen!

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Die Unschärfe eines Fotos hängt primär mit dem Abbildungsmaßstab und erst sekundär mit der Blende zusammen. Das ist der Grund warum man Makro-Aufnahmen selbst bei f22 mit ziemlich hoher Unschärfe aufnehmen kann und so manche Biene nicht mal bei f32 gänzlich scharf wird. Umgekehrt kann man mit f1.4 auch eine Landschaft fotografieren und bekommt evtl. gar keine Freistellung. Lange Rede kurzer Sinn, der Abbildungsmaßstab ist das entscheidende Kriterium und der verändert in der Praxis die Unschärfe sehr stark. Ein leichtes Vor- und Zurückschwanken während des Fotografierens kann die Unschärfe deutlich vergrößern oder verkleinern. Für das fertige Foto ergibt das einen visuellen Effekt als ob ein kleiner Gnom in der Kamera die Blende im Geheimen öffnen und schließen würde. Und zwar um mehr als nur einen kleinen Schritt. Gerade im Nahbereich, und dabei zählt beim Portraitshooting schon 1-2m Abstand zum Model, ergeben wenige Centimeter Schwankung schon einen sichtbaren Effekt.

Vielleicht sollte sich der eine oder andere Fotograf etwas mehr entspannen. f1.8 muss nicht schlecht sein und viele Fotografen erreichen auch mit f2.8 super schöne Freistellungen. Nicht vergessen, wer nachträglich schneidet, der schneidet sich nicht nur Megapixel weg. Davon gibt es heutzutage meist genug! Aber er schneidet sich vielmehr die Freistellung aus dem Bild. Denn wer fotografiert hat und zu viel Drumherum auf dem Bild hat, der hätte im Umkehrschluss auch näher ran gehen und damit die Unschärfe deutlich erhöhen können.

In diesem Sinne einen frohen Gruß aus Köln,

euer Martin

PS: Ich möchte an dieser Stelle nochmals drauf hinweisen, dass es mir nicht um Lobhudellei zum 35er von Tamron geht. Darüber habe ich ja meine ehrliche Meinung abgegeben. Ich möchte mit diesem Beitrag darauf hinweisen, dass es durchaus Gründe gibt ein Objektiv zu nutzen, was vielleicht nicht so ins Extrem gebaut ist. Zeiss geht mit der Batis Reihe ja auch den gleichen Weg und die könnten sicherlich ein f1.0 bauen. Tun sie aber nicht weil auch für Zeiss f1.8 eine perfekte Kombo aus allen Wünschen ist. So kann man auch mal ruhig auf ein günstiges f2 Objektiv zurückgreifen und muss nicht immer nach den Extremen schielen.

Kommentare (19)

19 thoughts on “Bokeh und Unschärfe von f1.4 zu f1.8 in der Praxis

  1. Wahre Worte! Genau dieses Thema ist einer der ersten Punkte, die in der Ausbildung zum Fotografen/zur Fotografin behandelt werden. Da gibt es sogar wundervolle Formeln, um es berechnen zu können 😀

  2. Guter Beitrag! In der Praxis ist kein Unterschied bemerkbar. Ich selbst habe das 50mm 1.4er USM von Canon und muss hier dennoch immer etwas abblenden, um eine optimale Qualität zu erhalten.

  3. Du hast es in Osnabrück ja schon gesagt Martin. Heute wird alles was nicht 1.4 oder dergleichen hat, gerne als unbrauchbar verkauft. Lustigerweise sind die Leute die meinen das alles was nicht 1.4 oder 1.2 hat auch die, die selbst diese Linsen haben. Als müssten sie ihren Kauf rechtfertigen. Und dann, wenn sie damit arbeiten, blenden sie ab auf 8. Bei manch einem fragt man sich heutzutage auch ob er sich die sachen nur kauft um damit endlose tests zu machen.

  4. *grins*
    Ich habe damals aus genau diesem Grund das Nikon AF-S 50 1.8 genommen.
    Zumal die Bildqualität bei dem billigen einfach besser war (habe vier Objektive probiert).
    Allerdings… Gerade wenn abgeblendet wird, kann es schon sein, das Lichter anders dargestellt werden, da oftmals unterschiedliche Blendenlamellen verbaut werden (Menge).
    Nichts desto trotz mag ich für viele Sachen einfach richtig offene Objektive wie das Mitakon Speedmaster.
    In diesem Sinne… Gut Licht 🙂

  5. Sehr sehr gut beschrieben, Martin. Die selben Erfahrungen habe ich auch gemacht. In der Praxis habe ich quasi nie meine 1.4er Objektive drauf. Zu schwer und auch nur richtig scharf, wenn abgeblendet. Es gibt da wirklich nur ganz wenige Situationen, wo ich mal ein 1.4er nutze. Die meisten Fotos, gerade auf einer Hochzeit, mache ich mit 1.8er oder 2.8er Objektiven. Vielen Dank, dass Du meine Erfahrungen hier bestätigst!

  6. Mit einem 35mm arbeite ich schon lange nicht mehr.
    Das Sigma 50mm / F 1.4 DG HSM ist ein Top Objektiv mit sehr Gut was Bild Qualität anbelangt.
    Sehr zu Empfehlen, den Nikkor wie Canon schliesen immer schlecht ab bei den Test.

  7. Der einzige Vorteil der 1.4er ist dass sie meistens mechanisch hochwertiger gebaut sind. Ansonsten ist es schon so dass man mit dem Abbildungsmassstab mehr beeinflussen kann als mit der Blende… Ich schleppe auch lieber die 1.8er rum… 35er, 50er, 85er… Leichter kleiner handlicher…

  8. Thanks for the comparison. One small comment: if the images were on a tripod, then the Sigma seems to have a wider angle of view. Is the Sigma more like 33mm or is the Tamron more like 37mm? There is a small but clear difference.

      1. Ah ok, thanks for the reply. The Tamron is really looking like a winner, especially with the almost Macro shooting ability included.

  9. Hey Martin,

    Ich ziehe mal die Steine auf mich in dem ich sage, dass generell grade zu viel auf „Offenblende“ und „Available Light“ rumgeritten wird. Das ist doch nur grade ein Trend, dem alle nachlaufen. Zum einen geht der wieder vorbei. Zum anderen weiß man als erfahrener Fotograf, dass ein gutes Foto nicht nur mit „ganz viel Freistellung“ gemacht werden kann. Und das auch Blitz seinen Sinn und oftmals große Vorteile hat. Und das es die eigen Vision, Seele, Erfahrung, Wissen ist, die die Bilder macht – und man dafür die Technik braucht, die man eben braucht. Nicht was grade „in“ ist.

    Danke, dass Sie beim Wort zum Sonntag am Montag eingeschaltet haben! 😀

    Gruß
    MiGel

  10. Genau so. Ich glaube wirklich, dass viele ihre teure Anschaffung rechtfertigen müssen. Und ich habe auch ein 1.4er, trotzdem reicht für vieles eben auch 1.8 oder gar 2.8.

    Danke übrigens für diesen Satz:
    „Denn wer fotografiert hat und zu viel Drumherum auf dem Bild hat, der hätte im Umkehrschluss auch näher ran gehen und damit die Unschärfe deutlich erhöhen können.“

    LG

  11. Oh,wie wahr. Habe mich erst kürzlich für ein Nikon 85/1,8 und gegen das 1,4 entschieden. 1000 Euronen und richtig Gewicht gespart. Das Bokeh mit 7 anstelle von 9 Lamellen ist anders, nicht unbedingt besser. Lichter im unscharfen Hintergrund werde nur runder. Muss trotzdem noch abblenden um beim Hundekopf noch Nase UND Augen scharf zu bekommen.

  12. Vielen Dank für die wahren Worte.
    Ich verwende zwar auch ein 1.5/50er objektiv und bin zufrieden. Meist nutze ich es um 1-2 Blenden abgeblendet. Die volle Oeffnung habe ich mehr als Notnagel dabei, wenn ich in der Dämmerung ansonsten kein gutes Resultat mehr erhalte. Gleiches kann ich zu der 28er und 85er/1.8 Brennweite sagen. Offen nur, wenns anders nicht geht. Ansonsten nach alter Väter Sitte 1-3 Stufen abblenden….

  13. Ich musste bei dem Artikel etwas schmunzeln, er erinnerte mich sofort an die FX versus DX-Diskussion. Wenn man im Artikel sinngemäß „1.4“ durch FX und „1.8“ durch DX ersetzt, wäre der Artikel möglicherweise immer noch überraschend stimmig 😉

  14. Danke! fuer diesen Beitrag, er spricht mir aus der Seele.
    Das Gedoens mit f1.4 ist Profi und f1.8 ist Amateur geht mir ganz schoen auf den Geist.
    Besonders wenn Hersteller ihren Objektiven noch das Label „Art“ verpassen, von dem vermutlich eine ganze Reihe von Nutzern meinen es faerbt auf Ihre Bilder ab.
    Ich bin kein Profi aber was mir auffiel bei den Tamrons war beim 85mm dass es im Gegensatz zum f1.8 Nikkor bei hoeheren Blenden also z.B. 2.8 deutlich angenehmer und weicher im Hintergrund zeichnete.
    Der Unterschied zwischen f1.4 und f1.8 so er denn sichtbar waere laesst sich in Lightroom oder PS in wenigen Minuten nachbilden.

  15. Mal wieder weise Worte vom Meister. Höher, schneller, weiter ist nicht immer der Weisheit letzter Schluss, sondern das Wissen, wie man welches Equipment zu welchem Zweck am besten einsetzen kann.
    LG Nina

  16. Ich sehe das nicht ganz so wie viele der Kommentatoren die sich (wie umgekehrt auch) mit den Aussagen des Artikels bestätigt fühlen. Auf Hochzeiten nehme ich gerne jede Möglichkeit wahr, das ISO zu reduzieren und bevorzuge f1.4 Objektive (das Sigma Art 35, 50 und 85 ist scharf genug um offenblendig fotografieren zu können). Es ist zwar richtig, dass der Abbildungsmaßstab einen größeren Einfluss hat da er in die Formel zur Tiefenschärfeberechnung quadratisch eingeht (ich denke das ist mit „primär“ gemeint), Blende und COC gehen aber auch direkt linear in die Formel ein, sind also mathematisch auch „primäre“ und nicht „sekundäre“ Größen (Entschuldigung für den Genauigkeitswahn meinerseits). Bei meiner Art zu fotografieren ist der Abbildungsmaßstab im Allgemeinen fixiert, da wir bestimmte Dinge in einer bestimmten Größe auf dem Bild haben möchten. Damit ist die Blende und die Sensorgröße die „primäre“ Variable um die Tiefenschärfe zu steuern. Ansonsten, ist es natürlich richtig, dass größere Effekte schneller mittels der Entfernung zum Objekt realisiert werden können.

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