31.10.2010    19

NIKON CLS JORNS TEIL 16: REMEMBER THE AL

31. Oktober 2010 | Nikon CLS

ANDREAS JORNS

Das „Geheimnis“ guter Blitzaufnahmen: Umgebungslicht berücksichtigen!

Ich habe schon desöfteren darauf hingewiesen, dass oberste Priorität bei der Blitzfotografie die Analyse des vorhandenen Lichts (des Umgebungslichts) hat (Regel Nr. 1 sozusagen). Mit sehr wenigen Ausnahmen (z.B. bei der Studiofotografie) werden die Bildergebnisse fast immer besser, wenn das Umgebungslicht berücksichtigt und in die Aufnahme eingebaut wurde. Wenn Ihr die Belichtung des Fotos dem Blitzlicht allein überlaßt, wird das Ergebnis häufig eher mittelprächtig. Wie Ihr vorgeht, um Regel Nr. 1 zu berücksichtigen, ist sehr einfach:

1. Umgebungslicht messen! Lasst den Blitz zunächst ausgeschaltet und schaut, was die Kamera für Werte bzgl. Blende und Verschlusszeit angibt.

2. Blitz dazu schalten! Jetzt schaltet den Systemblitz (in TTL-Stellung) dazu. Bei ausreichendem Licht im Hintergrund bringt die zuätzliche Option „BL“ die besseren Ergebnisse.

3. Auslösen! Jetzt macht die Aufnahme – als Ergebnis erhaltt Ihr ein Foto mit ausgewogener Belichtung von Objekt und Umgebung!

Dieser 3-Stufen-Plan dient allerdings nur als Groborientierung. Dass im Einzelfall leichte Variationen zu besseren Ergebnissen führen können, liegt auf der Hand. Dies gilt aber nicht nur für die Blitzleistung, die ich relativ häufig für den Abgleich mit vorhandenem Licht mit einer Negativkorrektur versehe. Auch ein Abweichen von dem als „korrekt“ ermittelten Wert für das Umgebungslicht kann sich als vorteilhaft erweisen – auf beide Varianten (bewußtes Über- und Unterbelichten) gehe ich demnächst in weiteren Beiträgen ein.

Aber Achtung! Das beschriebene Vorgehen funktioniert nur unter der Voraussetzung, dass die Kamera die einmal gemessenen Werte nicht verändert, wenn der Blitz dazu geschaltet wird!

Das ist der Grund, warum ich immer und immer wieder empfehle, bei der Blitzfotografie auf die Belichtungsautomatiken der Kamera zu verzichten und den manuellen Modus „M“ zu wählen. Denn nur im manuellen Modus bleiben die einmal eingestellten Werte für Blende und Zeit beim Zuschalten des Blitzes unverändert! Übrigens: Wenn Ihr kameraseitig im M-Modus arbeitet, könnt Ihr das oben beschriebene Vorgehen abkürzen, da Ihr die Messung des Umgebungslichts auch bei angeschaltetem Blitz vornehmen könnt … 😉

Soviel zur Theorie … welchen Unterschied es in der Praxis macht, mit welcher Philosophie man als Fotograf on location mit Blitzeinsatz fotografiert, wird an den folgenden Bildbeispielen besonders deutlich.

CLS DATA BECKER BUCH ANDREAS JORNS

Die Location ist ein Schwimmbecken (ohne Wasser!) in einem alten – längst stillgelegten – Hallenbad. Ein sonniger Spätsommertag gegen Abend (die Aufnahme links entstand gegen 20:00 Uhr und die Aufnahme rechts ca. 1 Stunde früher). Die Lichtstimung der Szenerie könnte unterschiedlicher nicht sein – beide Modelle sind durch das eingesetzte Blitzlicht richtig belichtet. Aber das war es dann auch schon an Gemeinsamkeiten.

Selbstverständlich resultiert die Abweichung nicht aus der zeitlichen Differenz von ca. eine Stunde, denn derart schnell verschwindet die Sonne zumindest in unseren Breitengraden nicht vom Himmel. Streng genommen spiegeln beide (!) Bilder nicht die tatsächlichen Lichtverhältnisse zum Zeitpunkt der Aufnahme wider!


– click on image to enlarge –

Das Foto vermittelt den Anschein von mehr Umgebungslicht als die Wahrnehmung vor Ort tatsächlich war – ein Blick auf die Exif-Daten läßt diesbezüglich tief blicken: F/5, 1/15s, ISO 1600 (35mm an FX)! Die Aufnahme lässt erkennen, wo sich das Ganze abgespielt hat. Ich habe die Belichtung nicht nur an das Umgebungslicht angepasst, sondern zusätzlich auch noch das available light visuell in die Aufnahme einbezogen, in dem ich die Fenster, durch die das Licht fällt mit in das Blickfeld integriert habe.

Dadurch wird für den Betrachter auch sofort erkennbar, woher der Lichtverlauf auf dem Boden des Schwimmbeckens kommt. Dieser „Kunstgriff“ – nämlich offene Fenster und Türen in eine solche Aufnahme mit einzubauen, erleichtert dem Betrachter häufig das Verständnis für eine besondere Lichtsituation. Probiert es aus und lasst Sie die Aufnahme mal mit und mal ohne Fenster auf Euch wirken – ich bin sicher, Ihr werdet Euch auch für die erste Variante entscheiden. Dass es dabei zu ausgebrannten Stellen an den Fensteröffnungen kommt, gehört für mich zur logischen Konsequenz und wird bei mir in aller Regel auch nicht in der späteren Nachbearbeitung (z.B. durch eine HDR-Aufnahme) korrigiert – zumal es in den meisten Fällen künstlich aussehen würde.


– click on image to enlarge –

Derart dunkel, wie es den Anschein bei dieser Aufnahme hat, war es nicht! Grund für den starken Lichtabfall des eingesetzen Blitzlichts hinter dem Model ist komplette Ignorieren des Umgebungslichts bei der Bestimmung der Aufnahmeparameter für Zeit, Blende und ISO-Wert: F/8, 1/160s, ISO 100 (28mm an DX). Ergebnis: Eine interessante Fashion-Aufnahme, wie sie streng genommen aber auch fast im Studio aufgenommen sein könnte.

Wenn wir die Exif-Daten beider Aufnahmen vergleichen, stellen wir fest, dass bei der Belichtung der beiden Aufnahmen eine Differenz von mehr als 8 (!) Blendenwerte zugrundeliegt! Selbst wenn man aufgrund des zeitlichen Verlaufs schwächeres Umgebungslicht als bei der Aufnahme rechts unterstellen muss, dürfte die Szenerie – unabhängig vom eingesetzten Blitzlicht – auf dem Foto links um ca. 5 Blendenwerte unterbelichtet sein. Logisch, dass da ohne Blitzlicht alles in dunklen Tonwerten „absäuft“!

Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Ich sage das alles ohne jede Wertung! Schließlich sind die Geschmäcker verschieden. Gleichwohl ist gut erkennbar, wie sehr sich die Ergebnisse voneinander unterscheiden – je nachdem, ob man mit oder ohne Umgebungslicht gearbeitet hat.

CLS DATA BECKER BUCH ANDREAS JORNS

Übrigens: Das Lichtsetting bei der rechten Aufnahme war extrem simpel wie Ihr auch in der Skizze erkennen könnt. Das ist das Schöne, wenn man das vorhandene Licht vernünftig einbaut – man muss sich dann oft gar keinen großen „Kopp“ um das Blitzsetting machen, da es in vielen Fällen „nur“ noch um die richtige Portion Aufhellung geht. Im konkreten Beispiel hat’s der SB-800 in TTL-Stellung ohne jede Korrektur automatisch gerichtet …

In diesem Sinne: Allzeit Gut Licht! 🙂

lg Andreas

Kommentare (19)

19 thoughts on “NIKON CLS JORNS TEIL 16: REMEMBER THE AL

  1. Hallo Andreas,

    vielen Dank für den sehr interessanten „Workshop“.

    Unten hast du den Text zu den Bildern vertauscht.

    Was mich noch interessieren würde, wie du die richtigen Werte für das Tageslicht ermittelt hast.
    Hast du, bei Foto 2, das Licht vor dem Model (Gesicht) gemessen, oder hast du die Lichter, z.B. auf der Schulter des Models gemessen.

    Gruß
    taylor

  2. Schöner Artikel, aber kann es sein das die Bilder nicht ganz zum Text passen (vertauscht sind)?

    Die Zeichnung am Ende gefällt mir auch. Sehr schön übersichtlich. Mit welchem Programm habt ihr die denn erstellt?

    LG

  3. Danke für für das „Allgemeinhalten“, so kann ich als Canon-User auch viel lernen. Eine Frage habe ich aber noch: was ist das erwähnte „BL“?
    Der Rest war echt lehrreich.
    Eins noch: Kann es sein, dass die Beispielfotos im Text vertauscht sind?(„dunkel“ mit „hell“)

    Guß
    Mathias

  4. Moin,

    ich mag solche kurzen Tutorials und habe eine ganze Sammlung davon, die ich immer wieder mal zur Hand nehme.

    Dank dafür, Andreas!

    Ich musste auch Google bemühen, um zu erfahren, was „BL“ bedeutet. Ist anscheinend etwas, was nur Besitzer von Nikon Systemblitzen und Kameras haben. Als Canon User ist mir dieser Begriff bislang unbekannt gewesen.

    Die Erklärung steht z.B. hier:

    http://neunzehn72.de/ttl-bl-aufhellblitz-workshop-blitzen-mit-nikon-cls-und-dem-sb-900-teil-3/

    Habe ich das richtig verstanden?

    1. Model im Modus AV/TV anmessen, Belichtungszeit merken und auf M umstellen und Blende / Belichtungszeit übertragen.

    2. Blitz einschalten (auf E-TTL) und fotografieren.

    3. Gegebenenfalls +/- Korrektur bei Belichtungszeit oder Blitz.

    Hm, warum sollten sich die Einstellungen maßgeblich verändern, wenn ich im AV oder TV Modus E-TTL (I-TTL) fotografiere? Eigentlich sorgt doch E-TTL dafür, dass die Blitzleistung entsprechend angepaßt wird!?

    Dank,

    Gruß,

    Andreas

  5. @taylor: Die Belichtungsmessung erfolgte auf die Kacheln!

    @Andreas: Wie’s bei Canon funktioniert, weiß ich nicht mit Bestimmtheit, aber ich würde von Vornherein im M-Modus fotografieren und bei der Messung einfach die Lichtwaage nutzen (die wird’s ja wohl auch bei Canon geben, oder?). Dann spart man sich den Umweg über eine der Belichtungsautomatiken …

  6. Danke für den klasse Beitrag! Benutzt du für die Steuerung den(die?) SU-800 oder einen Masterblitz? Kannst du eine Aussage über die Funktionalität des CLS in schwierigen, sehr hellen, oder Situationen mit eingeschränkten Sichtbereich zwischen Master und Slave machen? Wenn das den Rahmen als Kommentar sprengt, würde ich mich über einen Beitrag in der CLS-Reihe zu genau solchen „Extremsituationen“ freuen, denn TTL erspart einfach einen großen Teil das Try & Error mit Funkauslösesystemen, ist dafür allerdings auch mit größeren Technikkosten verbunden.

    Danke und Grüße

    Tobi

  7. @Tobi: In der Tat ein Thema für sich … Ich fange mal mit dem SU-800 an: Meinen gibt’s demnächst auf ebay oder sonstwo zu zu kaufen … Meine klare Empfehlung lautet: Vergeßt das Ding – keine Ahnung, warum ich das Teil damals gekauft habe (doch, ich weiß es noch – es waren ergonomische Gründe beim Fotografieren im Hochkantformat; da ist es schon ein wenig bequemer als als mit SB-xxx als Master), aber im Prinzip liegt es mehr oder weniger ungenutzt im Schrank! Grund hierfür: Der SU-800 steuert alls Remote-Blitze, die in der optischen Achse vor ihm liegen, mehr oder weniger zuverlässig. Bei allen anderen Remotes (die zum Beispiel hinter dem Fotografen positioniert sind) versagt er! Also lieber einen SB-700/800/900 als Master kaufen – die Blitzfunktion gibt’s noch obendrauf! 😉

    Was das Thema TTL (via IR) vs. M (via Funk) angeht: Je intensiver man mit dem entfesselten Blitzen arbeitet, desto eher kommt man zu dem Punkt, wo man wie im Studio im manuellen Modus arbeitet. Nicht ganz so bequem, dafür aber reproduzierbar und bei komplexen Lichtsettungs im Prinzip alternativlos (wenn sich nämlich erst die verschiedenen Blitze in einem Setting über TTL gesteuert gegenseitig beeinflußen, kann’s für den Fotografen „lustig“ werden).

    TTL setze ich natürlich trotzdem gern ein – vor allem aber bei 1-Blitz-Lösungen und unter kontrollierten Bedingungen. Outdoor wird’s mit der IR-Steuerung oft heikel und bei Sonnenschein kann man es regelmäßig fast vergessen. Wenn man dann auch noch die Blitze aus dem sichtbaren Bereich „verstecken“ will, kommt man um eine Funksteuerung nicht herum!

    Gruss, Andreas

  8. Vielen Dank für den sehr nützlichen Beitrag.

    Ich finde es gut, dass die Ausführungen allgemein gehalten sind. So kann jeder es nachvollziehen. Auch der, der nicht das benutzte System hat.

  9. Wow. Danke für die ausführliche Schilderung Andreas und danke für den Link Dietmar. So in etwa habe ich mir das vorgestellt mit dem Einsatzgebiet und der Zuverlässigkeit. Dann muss ich wohl einfach mehr üben mit den Funkauslösern und manueller Einstellung :).

  10. danke für dein beitrag, die zusammenhänge waren mir zwar schon klar, fand aber noch selten so eine gute übersichtliche erläuterung des themas,

    habe noch eine frage, ich arbeite bei dieser methode auch oft mit rear einstellung also auf den zweiten verschlussvorhang, was wäre jetzt hier beim bild mit umgebungslicht anders gewesen?

    lg aus bern – schweiz

    kassem

    1. Hallo Kassem, das kann auch ich dir beantworten… REAR (2. Vorhang) verändert an der Belichtung des Fotos absolut nix. Das Foto würde also exakt identisch aussehen.

  11. hallo andreas!

    klasse beitrag! kannst du vielleicht auf die messung des umgebungslichtes noch näher eingehen, konkret:

    „welche voreinstellung nimmst du am belichtungsmesser die ISO betreffend und die die verschlusszeit vor?“

    auf meinem muss ich nämlich diese beiden werte voreingeben, um die passende blende dafür zu bekommen.

    (betrifft eigentlich auch die kamerainterne messung mittels „lichtwaage“).

    welchen zeitwert würdest du nicht unterschreiten?

    DANKE!

  12. @fotodoc: Meine Vorgehensweise ist normalerweise wie folgt: Die Blende ist von mir „gesetzt“, da ich bereits vorher weiß, ob ich mit knapper Schärfentiefe (meistens) oder großer Schärfentiefe arbeiten will. In den meisten Fällen bewege ich mich bei der Fotografie von Einzelpersonen (und weil ich das Spiel mit selektiver Schärfe mag) im Bereich zwischen F/1,4 und 2,8. Je nach Umgebungshelligkeit erhalte ich jetzt eine Verschlusszeit, die bereits bei Basisempfindlichkeit passt oder die zu lang ist (wie lang „zu lang“ ist, hängt von mehreren Faktoren – unter anderem vond er verwendeten Brennweite). Alles was länger als 1/30s ist für die meisten Zwecke zu lang – dann regel ich den ISO-Wert so lange hoch bis ich bei der Grenzverschlusszeit lande, die ich als gerade noch akzeptabel erachte. That’s it!

    Gruss, Andreas

  13. @fotodoc

    Hallo Fotodoc,

    vor vier Wochen wären diese Fragen genauso von mir gekommen. Hab aber Andreas´ Buch gefressen, vieles schon probiert und seither deutlich weniger Ausschuss bei meinen geblitzten Bildern. Und bei den Fehlschüssen lag´s in der Nachbetrachtung eindeutig bei mir. Für mich ist das Buch zur Blitzbibel geworden, auf die ich Jahre gewartet habe. Es ist jeden Cent wert. Klar, strukturiert und ohne Firlefanz.

    Gruß

    Gerd

    PS an die ganz Kritischen: Nein, ich bin nicht mit Andreas verwandt oder verschwägert, sondern war schon von seinen vorigen Beiträgen hier sehr angetan und hatte mir deshalb das Buch gekauft…

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