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TOTSCHLAG-ARGUMENT KNIPSEREI

11. Februar 2017

Mit diesem sehr textlästigen Beitrag möchte ich heute ein spezielles Thema ansprechen. Sicherlich ein Thema, welches in vielen Foren und Blogs hart diskutiert wird. Und es wird sich nur um Text handeln, kein Foto. Ja, man kann sich auch mal ohne cooles Video und bunte Fotos mit Fotografie beschäftigen. Es geht um „TECHNISCHEN FORTSCHRITT“. Auf der einen Seite wird technische Entwicklung gefordert, auf der Gegenseite wird ganz oft dieser selbe Fortschritt hart kritisiert und angegangen.

Zu diesem Beitrag hat mich übrigens auch eine aktuelle Forendiskussion bewegt. Wo sage ich nicht, nur soviel: Es ging dabei um das Fokussieren mit Hilfe der Gesichtserkennung bzw. FaceDetection. Und unter anderem wurde auch Bezug genommen auf unseren Crashkurs Portrait. Im Crashkurs selbst erklären wir Viviana den Spot-Fokus, aber sagen eben auch, dass bei den meisten Portraits die FaceDetection besser und sinnvoller ist.

Und sofort ist es da… das Totschlagargument…

DAS IST KEINE FOTOGRAFIE MEHR…

Wer nicht mehr selbst fokussiert, der würde auch nicht fotografieren. Das Argument gibt es aber auch öfters. Und immer wieder wird es aus der obersten Schublade genommen, wenn eine neue, modernere Technik dem Fotografen etwas Arbeit abnimmt. Gegen eine derartige Anschuldigung kann man schwerlich argumentieren. Was soll man auch schon sagen? Schließlich greift das Argument ja auch auf einer subjektiven Ebene an: Am Fotografen-Stolz. Wenn man die Kamera etwas machen lässt, dann ist das nicht mehr Fotografie. Es geht so etwas in eine argumentative Richtung als ob man kein guter Autofahrer sein könnte, wenn man nicht selbst Zwischengas gibt. Automatik ist was für Weicheier??? Ich möchte mich auch gar nicht auf irgendwelche Argumentationen einlassen. Soll jeder selbst denken und fühlen und handeln und fotografieren, wie er möchte. Was mich so richtig nervt ist die Tatsache, dass gerade in Foren und Blogs Fotografen indoktriniert werden. Und ich finde, das schadet der Fotografie. Denn da geht es eigentlich nur um das Ergebnis und nicht darum auf welche Weise es entstanden ist. Wobei ich eben oft das Gefühl habe, dass es vielerorts mehr um das Entstehen als das Ergebnis geht.

Autofokus

Das Argument mit dem Autofokus ist auch deswegen so sinnlos, weil FaceDetection bei den meisten Kameras sehr gut funktioniert während das manuelle verschieben eines einzelnen Fokuspunktes deutlich mühsamer ist. Es hindert also sogar an der Fotografie, auch wenn es viele Fotografen nicht zugeben wollen. Sogar ich muss mir eingestehen, dass ich selbst nach 8-9 Jahren mit meiner 5D Mark ii nicht so schnell die Fokuspunkte verlege wie die FaceDetection an einer modernen Panasonic, Sony oder Olympus Kamera den Kopf verfolgt. Und dabei trifft die Automatik sogar noch deutlich besser das Auge als ich oftmals die Nase, die Stirn oder Haare vor dem Gesicht.

Ich kann mich erinnern, dass ich erst kürzlich eine Zeitschrift im Netz gesehen hatte. Ein Cover aus den 80er Jahren. Da stand in großen Buchstaben. AUTOFOKUS… DAS ENDE DER FOTOGRAFIE? Scheinbar…

Oder die leidige JPG-RAW Thematik

Weiter kann es genauso gut beim Thema RAW und JPG gehen. Manchmal bereue ich es schon, meine Meinung offen kund getan zu haben. Denn obwohl ich ziemlich klar formuliert habe, dass es nicht um ein Entweder/Oder geht sondern eine friedliche Koexistenz, wird diese Debatte wirklich bis aufs bitterste ausgefochten. Dabei kommt auch immer wieder das Totschlag-Argument. DAS IST DOCH KEINE FOTOGRAFIE MEHR. Ja, es wäre wie wenn man Fertiggerichte essen würde, keine eigene Möglichkeiten und und und. Vor einigen Jahren war es noch nicht denkbar, dass die schwachen Mikroprozessoren in den Kameras anständige JPG-Dynamiken und Farben speichern könnten. Heute geht es. Die Bearbeitung obliegt weiterhin dem Fotografen, der wählt Kontraste, Sättigung und Farbspiele und auch wenn weniger Möglichkeiten auf der Speisekarte stehen, so hat das immer noch sehr viel mit Fotografie zu tun.

Es bleibt der Fotograf der entscheidet, die Kamera setzt nur um!

Wo wir aktuell wieder mehr hin müssen ist das Denken, dass die Kamera nur ein Werkzeug ist. Als Fotograf muss ich mich über JEDE Erleichterung freuen. Und damit meine ich wirklich JEDE. Was mein Handeln einfacher macht, lässt in meinem Kopf mehr Freiraum für Kreativität und das wirklich Wichtige. Das AUGE!

Bei keinem ausgestellten Foto habe ich jemals gelesen welche Funktionen einer Kamera dafür verwendet wurden. Sowas liest man bloß auf dem Krolop&Gerst Blog oder man unterhält sich auf dem FotoStammtisch darüber.

Wenn die Kamera automatisch auf das Gesicht fokussiert, dann nutze ich das. Selbst wenn 10% Fehler sind, wenn ich selbst nur 5% Fehlerquote hätte, ich habe trotzdem viel mehr Gedankenpower frei für das Motiv.
Wenn meine Kamera mit fertige JPGs entwickelt die ich sofort nutzen kann, dann darf ich auch das nutzen ohne mich nicht mehr Fotograf nennen zu dürfen oder ein schlechtes Gewissen zu haben. Ich muss es ja nicht bei jedem Foto nutzen und ich kann trotzdem auch bei jedem Foto entscheiden in welcher Art die Kamera das Bild entwickeln soll.
Ich darf analog oder digital fotografieren, was mir mehr liegt. Ich darf sogar den P-Modus benutzen um in einer stressigen Situation ein tolles Foto zu machen. ALLES IST ERLAUBT, Hauptsache das Foto ist genial.

Digitalfotografie

Auch Nikon hat einmal in seiner Firmengeschichte den Fehler gemacht einen Trend als „keine Fotografie“ darzustellen. Das war der Wechsel von Analog auf Digital. Dort wurden fleißig weiter analoge Kameras entwickelt und der digitale Trend als kurzzeitiger Hype abgetan. So wie das Internet, das ist ja auch nur für Pornos und Illegales gut und wird bald wieder weg sein… gell???

Auch im Falle der digitalen Fotografie mit Sensoren als Bildfänger wurde davon gesprochen, dass das doch alles sei, bloß keine wirkliche Fotografie…

Entwicklung – Sinnhaft oder Sinnlos

Entwicklung ist und bleibt ein schmaler Grat. Es gibt wirklich sinnlose Funktionen. Oder es gibt Funktionen die in der Praxis das Fotografieren erschweren. Funktionen die eine Kamera überfrachten, Menüs zu voll machen oder auch gar nicht richtig funktionieren. Trotzdem finde ich toll, was mit unseren Kameras passiert. Auch wenn die Schritt nicht mehr so gigantisch wirken, ich finde in letzter Zeit hat ein sehr positiver Trend angefangen. Ein Trend Kameras nutzbarer zu machen. Funktionen zu konsolidieren und Dinge zu Kameras dazu zu packen, die wir im täglichen Leben oder Berufsalltag wirklich nutzen.

FaceDetection als Vorstufe

Und zudem darf man auch nie vergessen, dass sämtliche Techniken auch immer eine Vorstufe zu etwas Besonderen sein können. Der Eye-AF von Sony z.B. ist einer der sinnvollsten und wirksamsten Dinge um mit extrem kleinen Tiefenschärfen zu arbeiten. Ich kenne kein verlässlicheres System was gerade bei einem CloseUp Portrait mit offenster Blende (Beispiel 85mm @ f1.4) den Augapfel trifft und die Iris  anstatt der Wimpern verlässlich scharf stellt. Ohne FaceDetection Algorithmen würde es kein Eye-AF geben und jede Technik kann somit den Grundstein für einen wirklichen Meilenstein legen.

Wir sollten also nicht vergessen, dass die Kamera ein Werkzeug ist. Und egal wie man ein Werkzeug einsetzt, einem Kollegen, Freund oder Unbekannten persönlich das Hobby oder den Beruf schlecht zu machen, weil dieser sich etwas Arbeit spart grenzt an Idiotie. Mein Schreiner nutzt auch ein Nutz-Bohr-Dingsbums und meint, dass er früher dafür Stunden gebraucht hat, was jetzt in ein paar Minuten von der Maschine gemacht wird. Und er meint auch, dass ich sogar sowas machen könnte mit so einer Maschine. Ich bin trotzdem kein guter Schreiner und umgekehrt, er ist ein genialer Schreiner auch mit der Maschine. Weil er ein Auge und ein Gespür für Holz hat. Die Maschine macht nur sein Leben einfacher und genauso sehe ich meine Kamera und sämtliche andere Technik auch.

So, kein Foto, kein Bild, nix mit Farbe, nur Text! Ich hoffe man denkt über die Worte nach.

Euer Martin